Meine Lieblingsfotos

Meine Lieblingsfotos

Als Leiter eines Fotoarchivs und Fotografieliebhaber werde ich manchmal nach meinem Lieblingsbild gefragt. Das wechselt natürlich, denn es gibt so viele gelungene Fotografien, die uns mehr erkennen lassen von unserer Welt und dem Leben darin.

Hier ist mein derzeitiges Lieblingsfoto:

Lieblingsfotografie - Kurt Triest, ca. 1932

Die Aufnahme wurde um das Jahr 1932 von dem Nürnberger Fotografen Kurt Triest  gemacht und sie gehört in eine faszinierende Bilderserie, die er von einer Nürnberger Artistenfamilie während einer Freiluftvorstellung in der Vorderen Marktstraße in Schweinau festhielt. Aber deren tollen Kunststücke sind erst auf den folgenden Bildern zu sehen.

Diesem Foto hat der junge Fotograf Kurt Triest, der wenige Jahre später als jüdischer Nürnberger nach Palästina fliehen musste, den Titel „Vormittagsgäste“ gegeben.

Es handelt sich hier also noch nicht um die Zuschauer der späteren Darbietungen, sondern um Kinder, die die bereits aufgestellten Bänke schon besetzt halten, ganz gewiss in Erwartung des kommenden Ereignisses. Bis dahin ist aber offenbar noch ein Haufen Zeit, soviel, dass sich die Kinder noch ihren eigenen Spielen widmen können. Beim Blick auf die im Vordergrund verteilten kleinen Menschen – und man muss eigentlich auch nur wenig wissen vom eben Gesagten – entdeckt der Betrachter: Jedes der festgehaltenen Kinder ist vollkommen für sich beschäftigt mit seinem Spiel.

Auch die drei Buben auf der hinteren Bank schauen gemeinsam, ein jeder mit höchster Anteilnahme, in ihr Buch. Ob das Mädchen vorne mit seinem Ball oder die Größere dahinter - sie balanciert gerade auf einem Seil -, ob der Junge links davon mit seinen langen Strümpfen oder das andere, intensiv nach oben guckende Schürzchen links, ebenso wie das Kind dahinter, alle sind ganz bei sich und ihrem Tun. Ein jedes ruht in sich selbst und bildet seine eigene kleine Welt. Auch die Älteren im Hintergrund sind sichtlich in ihr Gespräch, oder weiter hinten, in die Arbeit oder das bloße Schauen vertieft. Hier im Nebeneinander dieser „Vormittagsgäste“ schauen wir in die damalige Gegenwart.

Der Fotograf hat im berühmten „entscheidenden“ Augenblick die Kamera ausgelöst. Wer dieses bis heute Gegenwärtige im Bild gesehen hat, entdeckt auf einmal auch, wie stimmig und konsequent diese zunächst formal nicht besonders aufgeräumt und geordnet erscheinende Fotografie ist. Ganz plötzlich werden, von Diagonalen zusätzlich geleitet, aus den Bänken Verbindungen und Brücken zu den einzelnen, in dieses Foto eingefangen Geschichten. Sie erzählen von einer längst vergangenen Lebenskultur auf der Straße.

Auf magische Weise entsteht eine intensive, höchst unmittelbare Verbindung mit diesem längst in den Fernen des Weltalls verschwundenen Augenblick 1932 in Schweinau.