Ein bunter Hund

Ein bunter Hund

Biografisches, ein wenig länger:

Geboren am 6. Juni 1946 in Gerolstein in der Eifel, kam ich doch schon im zarten Alter sechs Jahren in die Heimatstadt meiner Mutter hier nach Nürnberg, so dass ich als integrationsfreudiges Zuwandererkind besonders viel vom Genius dieser Stadt aufnehmen musste.

Bevölkerungspolitisch liege ich mit drei Kindern gut im Soll. Ich bin verheiratet mit Eva Hohn-Beer, Künstlerin und Kunsterzieherin. Beide haben wir es noch nicht bereut und es soll noch lange weitergehen.

Eva Hohn-Beer

Lebensmensch und Ehefrau Eva Hohn-Beer

1966 machte ich mein Abitur am Johannes-Scharrer-Gymnasium in Nürnberg, allerdings musste ich die letzten drei Jahre jeden Abend als Putzer und Reinigungskraft arbeiten, denn Mama und Papa meinten, ich müsse früher Geld verdienen, einfach weil davon in der Familie nur wenig vorhanden war.

Eben wegen des Geldes ging’s für zwei Jahre zum Bund, auch das Studium der ersten Partnerin musste finanziert werden.

Doch 1968, es war die Zeit der Notstandsgesetzgebung und ersten großen Demonstrationen, waren wir, der Bund und ich, jeder dem anderen gegenüber misstrauisch und meine militärische Laufbahn, ich bin bis heute nicht traurig, ging nicht ganz problemlos zu Ende.

Dafür folgten einigermaßen bewegte Zeiten in Erlangen, wo ich zwischen 1968 - 1975 das Studium der Geschichte, der Politischen Wissenschaften und zunächst auch der Germanistik begann, hier schnell zu den Mitbegründern der Basisgruppe „Geschichte“ zählte und zum Fachschaftsrat der Historiker gewählt wurde. Damals erfuhr ich, wie viele in uns steckende Ängste vor den (professoralen) Autoritäten erst mit etlichem Mut überwunden werden mussten, wollte man Ernst machen mit den vielen neuen Zielen. Aber das lässt sich lernen.

Arbeiten und Geldverdienen musste ich natürlich auch weiter: ungezählte Western, Schulmädchenreports, aber zunehmend auch bessere Streifen bildeten die Basis meiner Filmkritikerkarriere, eine schöne Art Geld zu verdienen. Statist im Theater, Nachhilfelehrer für arme Schulkinder, Werkstudent beim Schuckert und im Stadtarchiv, dazwischen immer wieder ein paar Wochen auf dem Bau, wenn schneller mehr Kohle ran musste.

Noch mehr Zeit und Energie flossen damals aber vor allem in die politischen Aktivitäten. Als „Gruppe Solidarität“, ein stolzer Name für unseren damals doch recht kleinen Freundeskreis, kümmerten wir uns zu dieser Zeit als Erste in der Region um ausländische Arbeiter, damals euphemistisch Gastarbeiter genannt: Deren soziale und Wohnprobleme, sie hausten damals oft noch in alten Baracken, und die Unterstützung der hier tätigen politischen Organisationen im Kampf gegen die faschistischen und diktatorischen Regime in ihren Heimatländern, Spanien, Griechenland und Türkei boten reichlich Ansatzpunkte für unsere Suche nach Veränderungen und Abenteuer, etwa bei abendlichen Flugblattverteilaktionen auf Kreta, vermittelten einen Hauch von Revolution für uns junge Helden, als die wir uns in diesen Jahren fühlten, und noch starke Erinnerungen für die Generation 60 plus oder besser 100 minus. Schön waren natürlich auch die nächtlichen Feiern und das Drumherum in den diversen Kneipen, ein schon damals schöner Aspekt der Ausländerarbeit.

Immerhin schloss ich 1976 mein Studium als Dr. phil. mit der mehrfach nachgedruckten Dissertation zum Thema „Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Nürnberg 1933 - 1945“ ab. Doch zu dieser Zeit war ich auf meinem persönlichen „Marsch durch die Institutionen“ schon in Dienst der Arbeiterbewegung und für die Vorbereitung auf die mündliche Prüfung ging der Jahresurlaub drauf.

1972 war ich mit der Mehrzahl der Aktivisten unserer Gruppe, animiert von den Hoffnungen auf Willy Brandt, in die SPD eingetreten. Das erleichterte den Kontakt zu echten Arbeitern ungemein. Es entstand ein Ausländerarbeitskreis der Jusos, dessen Sprecher ich fortan wurde. Erstes positives Ergebnis war 1973 die Einrichtung und Wahl des ersten Ausländerbeirates in einer westdeutschen Stadt.

Über die Wahl in den Bezirksvorstand der Jusos und der SPD, in diverse Juso-Bundeskongresse und Gremien verschaffte ich mir bleibende Erinnerung an manche Größen unserer heutigen politischen Welt. Das begann mit Rudolf Scharping (der war schon damals so) und setzte sich fort bis zum heutigen Gazprom-Lobbyisten, unserem früheren Autokanzler Schröder, dessen bemerkenswerte Fähigkeiten bei der Machtbeschaffung sich schon damals auf diversen Juso-Kongressen abzeichneten.

Die Regierung dieser Herrschaften war dann u. a. auch Anlass, mich nach 25 Jahren aus der großen Volkspartei zu verabschieden.   

Konsequenterweise startete ich meine berufliche Laufbahn nicht in der Schule oder in einer wissenschaftlichen Tätigkeit: Als erster promovierter Gewerkschaftssekretär in Bayern in der Gewerkschaft ÖTV, Kreisverwaltung Nürnberg, lernte ich die Welt zwischen Müllabfuhr, Finanz- und Feuerwehrbeamten, von Erzieherinnen und Sozialarbeitern kennen. Natürlich auch manches über innergewerkschaftliche Kanäle und Kämpfe und das was man den „dritten Bildungsweg“ nennt, den Aufstieg als hauptamtlicher Gewerkschafter, und, besonders im öffentlichen Dienst, auf dem Umweg und der Schiene des Personalrats- oder noch besser, der Gesamtpersonalratstätigkeit, nicht selten in ungeahnte Vergütungs- Besoldungsgruppen. Ein schönes Beispiel ist unser immer noch amtierender (ich erinnere mich schamhaft an die von mir mitbetriebene Kampagne zur Ablösung useines Vorgängers Hans Trapp) GPR-Vorsitzender Hans Mimler, der es zwar nicht wie einst einer seiner Vorgänger zum Personalreferenten schaffte, aber sich immerhin das Gehalt eines Leitenden Verwaltungsdirektors erarbeitet hat. Auch nicht schlecht, wenn die Ausgangsbasis, eine Ausbildung in den gehobenen Dienst der Stadtverwaltung zugrunde gelegt wird. Leider wurden für diesen erfolgreichen Weg, alle möglichen kritischen und vor allem intelligenteren Gewerkschaftskolleginnen  weggebissen. Naja, die schönsten Beispiele kamen zuletzt ja von den innergewerkschaftlichen Schlachtfeldern unserer Autoindustrie.

1979 wechselte ich dann zum Hauptvorstand der Gewerkschaft ÖTV in Stuttgart in die Redaktion, um dort erfolgreich eine Funktionärszeitschrift („ÖTV Argumente“) zu konzipieren, die ich dann auch als verantwortlicher Redakteur zu erstellen hatte. Persönliche Gründe zogen mich dann zurück zu meiner Familie und in mein Haus damals in Feucht; Wochenendehen gehorchen eigenen Gesetzen, nicht selten scheitern sie.

Es folgte eine neue, fast an die zurückliegende Zeit anschließende Tätigkeit ab Oktober 1981: zunächst von 1981 - 1985 als Leiter des Infozentrums für arbeitslose Jugendliche mit dem Beschäftigungsprojekt „Nürnberg Modell“, das damals im Kulturreferat als frühe und vorbildliche Initiative gegen die sich immer mehr ausbreitende Jugendarbeitslosigkeit entstanden war. Gemeinsam mit den beteiligten Mitarbeitern gelang es, das Projekt mit neuem Konzept zu erweitern, erstmals eigene Jugendwerkstätten in einer ehemaligen Fabrik in der Hessestraße zu schaffen und mit den Jugendlichen neue Arbeitsfelder vor allem im Kulturbereich (Bau Künstlerhaus Grillenberger Straße, Ausbau Kulturläden etc) anzugehen: Zwei Fliegen mit einer Klappe - Hilfe für arbeits- und ausbildungslose Jugendliche und unterfinanzierte Kulturarbeit.

Dazu kam durch die Unterstützung des Arbeitsamtes eine Beschäftigungsprojekt für Jugendliche im Komm. Daneben vermittelte „Arbeit und Leben“ Jugendlichen ohne Perspektive erstmals eine bezahlte Beschäftigung, verknüpft mit dem Nachholen des Hauptschulabschlusses. Wenn man von Zeit zu Zeit, den ein oder anderen dieser „Problemjugendlichen“ von damals heute wieder sieht, zeigt es sich meist, dass sich die Arbeit damals gelohnt hat.

Als 1987 das Infozentrum nach den großen Erfolgen vom Jugendamt übernommen wurde, das inzwischen auch schon die Jugendarbeitslosigkeit entdeckt hatte, blieb ich auf eigenen Wunsch im Schul- und Kulturreferat, schon aus Treue zu Prof. Dr. Hermann Glaser, von dem ich vieles lernen konnte und als dessen persönlicher Mitarbeiter ich von 1987 - 1990 beim Schul- und Kulturreferat auch die Leitung der Kulturplanung übernahm. Zuständig dabei auch für die Künstlerförderung (Aufbau einer Atelierförderung, Ausbau erster Künstlerateliers) und den damals in der Bundesrepublik einzigartigen Alternativtopf, glaubte ich eine meiner Lieblingsaufgaben gefunden zu haben: die Rolle des Dolmetschers zwischen Verwaltung, Politik und den verschiedenen kulturellen oder subkulturellen Welten.

In das Jahr 1987 lässt sich auch mein persönlicher Karriereknick datieren, der sich einstellte, nachdem ich den Wunsch des kommenden Oberbürgermeister Dr. Peter Schönlein abgelehnt hatte, ihm als persönlicher Mitarbeiter zu dienen.

Rasch problematisch gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der neuen Kulturreferentin Carla Forbeck. Nach heftiger Kritik ihres Umgangs mit den Mitarbeitern wechselte ich 1990 nach einem halben Jahr auf eigenen Wunsch ins Stadtarchiv Nürnberg und fand in der Tätigkeit des Stadthistorikers zurück in mein studiertes Fach.

Zur wichtigsten neuen Aufgabe wurde seit 1993, gemeinsam mit den Mitarbeitern das städtische Bild-, Film- und Tonarchiv innerhalb des Archivs. Hier liegt auch die Basis für das von mir seither forcierte Ziel, Stadtgeschichte möglichst nah an den Stadtbewohnern zu vermitteln, nach dem Grundsatz, die der Allgemeinheit gehörenden Schätze des Archivs, die vielen Sammlungen, Fotos und Filmbilder, auch der Öffentlichkeit zu zeigen und zur Verfügung zu stellen: Versucht habe ich das bisher meist in Eigeninitiative; und meist nur unterstützt von wenigen Mitarbeitern konnten bisher 16 große und eine Vielzahl kleinerer Ausstellungen zur Stadtgeschichte insbesondere zur Industrialisierung und Großstadtwerdung Nürnbergs realisiert werden.

Bis dahin im Archiv unbekannte Besucherscharen kamen zu den Ausstellungen zu den Nürnberg-Fotografen Ferdinand Schmidt, Lala Aufsberg, Kurt Triest, zur modernen Fotografie, Geschichte der Nürnberger Südstadt, zur Ansichtskartenzeit oder zum Bombenkrieg, die im Pellerhaus, im Germanischen Nationalmuseum, im Handwerkerhof, im leerstehenden Verwaltungsgebäudes der MAN, in Kirchen und Kulturläden gezeigt wurden. Zu den meisten Themen sind hochgeschätzte Kataloge und Bücher entstanden, die viele Nürnberger auch noch nach den Ausstellungen erfreuen.

Geschichte lässt sich vermitteln und wird erfahrbar, wenn sich die Menschen selbst darin wiederfinden oder Bezüge zu sich entdecken. Hier anzusetzen, ermöglicht Verortung und Sinnstiftung. So werden Handlungsansätze für den Weg in eine offene, oft nur ängstlich erwartete Zukunft angeboten. Eine Voraussetzung ist dabei aber die kritische Analyse der Vergangenheit (siehe auch Landesbischof Meiser).

Wenn ich in einigen Monaten aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden werde, dann liegen hinter mir sicher nicht die üblichen Stationen einer städtischen Laufbahn. In der durchaus positiven Rückschau als „Allzweckwaffe“ (so Hermann Glaser) sind die scheinbar so verschiedenen Baustellen für mich jedenfalls eng miteinander verbunden durch meinen Grundsatz: „Immer aus ganzem Herzen!“ Wie heißt es so schön bei Peter Rühmkorf: „Ich habe viele Schlachten verloren, aber nicht meine Identität!“

Südstadt-Ausstellung

Zum 1. Oktober 2008 habe ich meine Arbeit im Stadtarchiv Nürnberg beendet und bin vorzeitig in Rente gegangen. Eine letzte Ausstellung für das Stadtarchiv Nürnberg mit Fotografien von Edgar Titzenthaler ("Das alte Nürnberg vor der Zerstörung. Die Fotografien von Edgar Titzenthaler 1933 – 1935.") wurde Ende November 2008 in der Norishalle eröffnet. Gleichzeitig erschien ein entsprechender, reich ausgestatteter Fotoband unter dem gleichen Titel (Das alte Nürnberg vor der Zerstörung. Die Fotografien von Edgar Titzenthaler 1933 – 1935. Herausgegeben von Helmut Beer. 200 S. Nürnberg 2008, ISBN 978-3-940594-13-6) im Tümmel Verlag.

Die Ausstellung wurde von vielen Besuchern mit reichlich Lob bedacht und es wurde immer wieder im Besucherbuch der Wunsch nach der Umwandlung in eine Dauerausstellung festgehalten. Zum Ende der Ausstellung erschien in den "Nürnberger Nachrichten" vom 17./18. Januar der nachfolgende Beitrag, zu dem mich eine Vielzahl positiver Reaktionen und auch manches Dankeschön erreichte.

Im Oktober 2009 kam in gleicher Ausstattung anlässlich des 100. Todesjahrs von Ferdinand Schmidt, dem wohl wichtigsten Nürnberger Fotografen des 19. Jahrhunderts, ebenfalls im Tümmel Verlag der von mir herausgegebene Bildband "Das alte Nürnberg des Ferdinand Schmidt. Fotografien von 1860 - 1909." in die Buchhandlungen (206 Seiten. ISBN 978-3-940594-15-0). Ursprünglich für eine zu diesem Gedenkjahr geplante Ausstellung gedacht, die ich dann nicht mehr verwirklichen konnte, enthält das Buch die wichtigsten Schmidtschen Nürnberg-Aufnahmen mit ausführlichen stadthistorischen und fotogeschichtlichen Erläuterungen und eine Darstellung des Schmidtschen Schaffens. Noch in meinem letzten Dienstjahr 2007/08 nach der Revision des Bildbestandes von Ferdinand und Georg Schmidt im Stadtarchiv begonnen, schließe ich mit diesem Bildband meine stadtgeschichtlichen Darstellungen ab, auch wenn es noch viel zu tun gäbe.

 Nürnberger Nachrichten -
Kein mausgrauer Aktenschieber

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