Damals in der Südstadt

Damals in der Südstadt

Der ältere Mensch blickt mehr und mehr zurück, auch ich habe damit angefangen. Nachdem viele meiner Kindheitserinnerungen in der Nürnberger Südstadt spielen und auch die großen Veränderungen in der Nürnberger Industrievorstadt berühren, habe ich einige dieser Erinnerungen der „Südstadtgeschichte“ im Vorwort vorangestellt. Das Buch erschien als Katalog zu der großen Ausstellung des Stadtarchivs Nürnberg, die vom 2. April - 30. Juni 2004 im FrankenCampus in Etage der ehemaligen Zeichenbüros der MAN in der Frankenstraße stattgefunden hat.

Das Foto zeigt mich etwa zum Zeitpunkt der damaligen Beobachtungen 1957. Ich bin der nette Junge in der Mitte als Vorsitzender des Micky-Maus-Clubs Nürnberg-Lichtenhof. Der Fotograf damals war Armin Schmidt, der Bildreporter der „Fränkischen Tagespost“. Das Bild zierte einen halbseitigen Artikel in dem über uns und unsere guten Taten als Micky Mäuse berichtet wurde. Unter der Überschrift „Auch das ist die Jugend von heute!“ kam die Geschichte, wie wir einem Kriegsblinden eine Wohnung zu verschaffen versucht hatten, nachdem dieser einen Zettel in unseren Kummerkasten (gibt es so was heute eigentlich noch?) geworfen hatte.

Doch nun zum Vorwort der „Südstadtgeschichte“:

Südstadt-Geschichte

Im September 1954 zogen meine Eltern mit ihren drei Buben aus einer Wohnung in der Wilhelm-Löhe-Straße in Gibitzenhof in das neu errichtete, aber noch nicht ganz fertig gestellte Mietswohnhaus am Kopernikusplatz 3, fünfter Stock, linke Seite. Im fünften Geschoss war die Miete am niedrigsten, aber die Wohnungen auf der linken, der westlichen Seite des damals vielbewunderten Neubaus neben dem Café Andler hatten zwei Balkone – neben dem Rückbalkon zum Hof hin noch einen zweiten, wenig tiefen Austritt nach Süden zum Kopernikusplatz hin.

Von hier hatte man einen vollständigen Überblick links von der Einmündung der Pillenreuther Straße über den Kopernikusplatz nach Westen zur Humboldtstraße am Eck zur Karl-Bröger-Straße. Der Platz besaß damals noch die alte Einheitsanlage mit dem Büschchenhalbrund, einem großen Sandkasten, dahinter die Hundegassirasenfläche mit dem im Rasen verankerten Schild „Betreten verboten" und das bis heute, auch nach der Vernobelung und Versteinerung des Platzes unverändert erhalten gebliebene und wie damals riechende Pisshäuschen.

Der Platz mündete im Süden in Höhe der Kopernikusapotheke in die damalige Ritter-von-Schuh-Straße. In der Mitte der rechten Platzseite zweigte die Brosamerstraße ab. Dort gab es den Kohlen-Beer, einen dicken Kohlehändler. Der Lärm der Druckerei Osterchrist aus dem Haus in der Brosamerstraße, in dem nun auch schon dreißig Jahre das „Casablanca" festsitzt, hängt noch heute in meiner Erinnerung. Vorbei an der Konditorei Weckerlein mit den Kuchenfenstern schweifte der Blick dann rechts ans Eck zur Humboldtstraße, westlicher Teil. Dort war das Humboldtkino, nicht sehr groß, doch mit einer Matineevorstellung – welch geheimnisvolles Wort – an den Sonntagvormittagen. Noch in den sechziger Jahren zog dann ein simples Schuhgeschäft in das Kino, aber da gingen wohl noch weniger Leute rein als ins Kino. Die Humboldtstraße führte auf ihrer westlichen Seite direkt zum Schuckert, wo mein Vater damals in der „Hollerit" arbeitete und zeitweise auch meine Mutter am Band in den Zählerwerken.

Zumindest in der kindlichen Vorstellung von damals begann oder endete – je nachdem – die Humboldtstraße in den Schuckertwerken, wie ja das ganze dort liegende Viertel von den rotziegeligen Gebäuden beherrscht war, überragt vom riesigen Schuckertschlot, der in den Albträumen mancher Nächte über mir zusammenstürzte.

Vom Balkon aus war auch die andere Seite der Humboldtstraße zumindest an ihrem Eingang noch ganz einzuschauen, aber eigentlich doch auch von den hohen Bäumen verdeckt. Zumindestens konnte man die „Humboldtsäle", die diesen Abschnitt der dunkel wirkenden Straße fast in ganzer Blockbreite einnahmen, nicht mehr sehen, dafür manchmal aber um so lauter hören.

Gegenüber war das „Metropol", ein anderes Kino, in dem jeden Samstag so gegen zwölf oder halbeins nach der Schule die meisten Knaben meiner Klasse verschwanden. Da lief dann die Jugendvorstellung mit „Zorro", Fuzzy-  und Unmengen anderer, damals noch schwarzweißer Westernfilme. Ein Stück weiter, am Eck zur Bulmannstraße, gab es eine der damals noch seltenen Eisdielen. Noch ein Stückchen weiter über den Hummelsteiner Weg hinweg, war dann der Humboldtplatz mit dem Fahrrad-Herbst und der Dallingerstraße. Hier lag auch schon die Grenze der bekannten, auf den Schulwegen und an den Nachmittagen begangenen Gegend, dahinter lag dann eigentlich eine fremde, erst später erschlossene Welt.

Vielleicht an dieser Stelle doch eine kurze Erklärung für die zu Anfang eines historischen Katalogs möglicherweise unerwartete persönliche Schilderung meines Ausblicks vom Balkon am Kopernikusplatz in der Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dabei ist es noch ungewohnt, die eigene Erinnerung in ein vergangenes Jahrhundert und damit ja in historisch schon abgeschlossene Zeitabschnitte zu schieben: Einige der mir immer noch gegenwärtig erscheinenden Bilder vom Austrittsbalkon zeigen Vorgänge, die inzwischen längst untergegangen und tatsächlich historisch geworden sind. Sie machen heute etwas davon sichtbar, was damals die Südstadt ausmachte, was sie prägte und was wir aber zu dieser Zeit höchst normal fanden. Unvorstellbar schien, dass es diese Dinge nicht mehr geben könnte. Dass sie dann tatsächlich verschwunden waren, wurde mir erst drei Jahrzehnte später, eher zufällig, bewusst, als ich wiederum in die Südstadt zog.

Zu diesen inzwischen „historisch" gewordenen Wahrnehmungen vom Balkon aus – aber eigentlich war das überall zu hören – gehörte das täglich mehrfache Heulen der Fabriksirenen. Zu festen Zeiten sprangen sie an und jaulten eigentlich ganz schön lange und erfassten das ganze Viertel: Vom Balkon her waren sie deutlich als die Schuckert-Sirenen auszumachen, es gab ja auch noch andere. Und dann am Nachmittag wenige Minuten danach – die Sirenen heulten, glaube ich, damals immer um dreiviertel Fünf – war jeden Werktag das gleiche Schauspiel zu sehen. Die Gehsteige waren schwarz vor Menschen. Es begann verhalten, aber dann schwoll der Strom rasch an. Von der Ritter-von-Schuh-Straße herkommend, auf der linken Seite des Platzes, vorbei an der Drogerie Schmelzer, hinein in die Pillenreuther Straße hasteten die vielen Männer zum Südausgang des Bahnhofs, um nur ja den Vorortzug nicht zu verpassen. Fast alle trugen ihre alten Aktentaschen in der Hand; die zur Arbeit gehenden und von der Arbeit kommenden Männer trugen damals immer Aktentaschen, von einer flachen und abgewetzten Art Leder, die es heute gar nicht mehr gibt. Zeitgleich oder vielleicht noch etwas früher strömte ein anderer Zug aus dem rechten, dem Schuckertabschnitt der Humboldtstraße, floss ums Eck in die Karl-Bröger-Straße oder eilte an unserem Haus vorbei und bog in die Pillenreuther Straße, wohl mit dem gleichen Ziel Bahnhof. Vielleicht zogen die in den oberen Teil der Karl-Bröger-Straße Abzweigenden auch noch zum Schocken, vielleicht in den Weinkeller, vorbei an der Milchhandlung Dallhammer, die die Milch aus der Dampfmolkerei Daiber in Ammerndorf in die Milchkannen füllte. Beim Menschenstrom vom Schuckert waren deutlich mehr Frauen dabei als im Längsstrom von der MAN, was mir damals besonders auffiel, vielleicht auch, weil meine Mutter in der Zeit, als sie im Zählerwerk gearbeitet hatte, ebenfalls immer aus dieser Richtung kam.

Das Heulen der Sirenen, auch zu den Arbeitspausen während des Tages, das mir als Kind so selbstverständlich erschien, war in den achtziger Jahren, als meine Kinder das gleiche Alter hatten wie ich damals, schon weitgehend verschwunden – oder vielleicht waren die Sirenen nur leiser geworden. Ich wohnte damals Ende der 1980er Jahre nahe der MAN, die zu dieser Zeit im großen Maßstab ihre Arbeiterbelegschaft entließ oder auf andere Weise verringerte. Die Menschenströme auf den Gehsteigen waren dünner geworden, dafür wuchs der Autoverkehr nach Fabrikschluss spürbar an. Aber Sirenen habe ich eigentlich nicht mehr gehört. Auch der Werksparkplatz ist inzwischen aufgelöst, weil immer weniger zur Arbeit angefahren kamen.

Zurück zu unserem Balkonblick: Ich glaube mich erinnern zu können, dass manchmal in der Bockbierzeit ein gar nicht so kleiner Seitenstrom von der MAN her oder von der Schuckertseite der Humboldtstraße in die andere Seite der Humboldtstraße abzweigte. Dass die Bockbierzeit begann, bemerkten wir als Kinder daran, dass die Bierkutscher im Unterschied zu sonst mit geschmückten Pferden und Fuhrwerken und manchmal sogar mit Musik anlieferten. Jedenfalls war das jedes Jahr ein Grund, vom Balkon aus zuzuschauen. Damals kamen die Bierfuhrwerke noch jeden Donnerstag oder Freitag Morgen zu den Humboldtsälen und die Männer mit langen Lederschürzen und einer schwarzen Schirmmütze fuhrwerkten mit ihren Fässern und Sackkarren auf der Straße herum. Das ist lange vorbei. Auch die „Dröhnlandzeit" ist längst vorüber, ebenso wie die Prozessionen der katholischen Gemeinde von Lichtenhof durch das ganze Viertel, um die Fluren des Kopernikusplatzes und des Annagartens zu segnen.

Auch da war der Balkon nach vorne alljährlich am Fronleichnamstag unsere Loge, um die von Herz-Jesu kommende Prozession zu verfolgen. Wir freuten uns schon immer vorher, auch weil jedes Mal das Gleiche ablief. Der Zug kam von der Kirche durch die Humboldtstraße gezogen mit Ministranten, festlich weißgolden gewandeten Priestern und der Monstranz unter dem ebenfalls ganz goldenen, von Männern in schwarzen Anzügen getragenen Himmel. Am nordöstlichen Ende des Kopernikusplatzes bogen die Menschen dann ein, um gegenüber bei unseren Versteckbüschchen am Eck des Platzes anzuhalten. Dort war nämlich am Morgen oder schon am Vortag ein Altar, sogar mit meist schrecklich nachhallenden Lautsprechern, aufgebaut und vor allem ein wunderschöner Blumenteppich aus geköpften Blumen ausgelegt worden. Ich erinnere mich an besonders viele Margeritenköpfe und Nelken. Schön waren auch die jungen Birken in Blecheimern, die vielleicht von einem katholischen Gurkengroßverbraucher gestiftet worden waren. Außerdem war an Fronleichnam fast immer schönes Wetter, wenigstens haben sich die blauen warmen Tage auf dem Balkon so in meiner Erinnerung festgesetzt. Damals standen wir drei Buben dort oben, verfolgten gebannt und ungeduldig das sich bietende fromme Schauspiel, um dann sofort, kaum dass der Zug mit dem Himmel sich weiterzubewegen begann, in Richtung Annagarten zum nächsten Altar, die fünf Stockwerke hinunter zu rasen, um uns möglichst schnell über den Blumenteppich herzumachen und viele Blumenköpfe, vielleicht noch vor der Konkurrenz ebenfalls raffender Erwachsener, ein paar ganze Blumenstengel zu erwischen.

Die Erinnerung an diese Fronleichnamsumzüge verbindet sich heute natürlich mit der Interpretation, wie stark noch in den fünfziger Jahren in den südlichen Stadtvierteln die Verbindung zu ländlicher Lebensweise und bäuerlichem Brauchtum vorhanden gewesen sein muss. Die Zuwanderergeneration, meist die Eltern der damals mittleren, den Wiederaufbau vorantreibenden Generation unserer Eltern, lebte ja in der Regel noch, und vermutlich waren einige der Prozessionsteilnehmer selbst noch als Kinder in die Großstadt gekommen und feierten nun in der Erinnerung an die Fronleichnamszüge in ihren Herkunftsdörfern. Heute gibt es keine Fronleichnamsumzüge mehr in den Vorstadtvierteln, die längst zur Kernstadt gehören.

Verschwunden ist auch der damals noch allgemeine Brauch, in den Gastwirtschaften durch die herausgehängte Schweinsblase anzuzeigen, wann es Metzelsuppe und Schlachtplatte gab. Auch das war damals noch am Kopernikusplatz üblich oder ums Eck im „Pillenreuther Klösterle" wie heute manchmal noch in einzelnen Dorfwirtschaften. Für mich war das damals allerdings immer ein Schrecken, wenn das Gasthaus „Zum Kopernikus" – der Wirt hieß mit Vornamen Peter – immer am Donnerstag die Blase heraushängte. Ich erhielt dann nämlich die Milchkanne und ein Zehnerle und musste hinüberlaufen, um beim Peter die Kanne für das Geld mit der fetten Wurstbrühe füllen zu lassen. Für meine Mutter war das dann einmal wöchentlich die Grundlage für eine Suppenmahlzeit, die mit Brot oder Nudeln aufgefüllt, die schmale Haushaltskasse schonte. Mir wurde schon vom Anblick und vom Geruch dieser Wurstsuppe schlecht und ich goss, wenn es nur ging, am nächsten Tag – ein Vorteil des Schlüsselkindes – die eklige Fettbrühe in die Kloschüssel und spülte endlos nach, um nur ja alle Fettreste zu beseitigen. Eine Entdeckung hätte Schläge bedeutet und davon bekam ich eh genug.

Ich könnte hier fortfahren von den schöneren Seiten der damaligen Kinderzeiten zu erzählen, dem Spielen in Ruinen, wo wir auch Alteisen suchten, das wir zum Alteisenhändler in der Wölckernstraße schafften, um unser nicht vorhandenes Taschengeld aufzubessern. Den Höhepunkt der Erinnerung würde sicherlich wie bei allen Buben meines Alters in Lichtenhof die Schilderungen der Abenteuer einnehmen, die wir täglich im Annagarten erlebten. Der „Anners", wie der verwilderte Park bei uns hieß, einst um die ehemalige Reifsche Brauereibesitzersvilla angelegt, was natürlich niemand von uns damals wusste, bot dazu alles: Fußballplätze, Ruinenlandschaften, den „Achter“, einen wildromantischen Bauaushub- und Lehmaufschüttungsberg mit zwei nach Regen wassergefüllten Bombentrichtern, die man als „Achter" sehen konnte. Im Winter war der Achter das Wintersportzentrum der ganzen Südstadt, bot er für die Rodler doch außer der Todesbahn, wo es nicht nur steil hinunter, sondern zwischen gefährlichen Bäumen auch wieder hinauf ging, auch die noch gefährlichere „Bobbahn", dazu etliche immer glatter werdende Hetschelbahnen. Der Annagarten war am frühen Abend der Treffpunkt der „Halbstarken“, bot Deckung auch für frühe Zärtlichkeiten, aber das gehört nicht in ein Vorwort für eine historische Darstellung.