Kleine Texte

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Notizen und Fragen aus meinem Lebenspanoptikum 

Die Sirenen der Südstadt

Im September 1954 zogen meine Eltern mit ihren drei Buben aus einer Wohnung in der Wilhelm-Löhe-Straße in Gibitzenhof in das neu errichtete, aber noch nicht ganz fertig gestellte Mietswohnhaus am Kopernikusplatz 3 heute Nummer 15, fünfter Stock, linke Seite. Im fünften Geschoss war die Miete am niedrigsten, dafür hatten die Wohnungen auf der westlichen Seite des Neubaus neben dem Café Andler (heute Pizzeria) zwei Balkone - neben dem Rückbalkon nach Norden zum Hof hin noch einen zweiten, wenig tiefen Austritt nach Süden zum Kopernikusplatz hin. Von hier hatte man einen vollständigen Überblick über die Grünanlage des Kopernikusplatzes zwischen der Einmündung der Pillenreuther Straße links und gegenüber nach Westen zur Humboldtstraße am Eck zur Karl-Bröger-Straße. Der Platz besaß damals noch die alte Einheitsanlage mit einem Halbrund der beliebten kleinblättrigen Einheitsbüschchen zu unserem Haus hin, einem großen runden backsteingefassten Sandkasten, dahinter die Hundegassigehaber Betretenverboten Rasenfläche hinter halbverdorrten, kleinbleibenden Rosensträuchern mit dem in der Wiese verankerten Schild „Betreten verboten" und das bis vor wenigen Jahren auch nach der Platzumgestaltung zu mehr Betonflächen noch vorhandene, stark riechende Pisshäuschen.

Der Platz mündete im Süden in Höhe der Kopernikusapotheke in die damalige Ritter-von-Schuh-Straße. In der Mitte der rechten Häuserreihe zweigte die Brosamerstraße ab. Dort gab es den Kohlen-Beer, den dicken Kohlehändler. Die Maschinen der Druckerei „Osterchrist" aus dem Haus in der Brosamerstraße, in dem dann bald darauf für vier Jahrzehnte das „Casablanca", das zweite Kino der Weberbrüder nach der „Meisengeige" jugendlich bewegte Kinobesucher anlocken sollte, auch das heute schon wieder Geschichte, rattern noch heute in meiner Erinnerung. Vorbei an der Konditorei Weckerlein, welch schöner Name für das Tortenparadies, schweifte der Blick dann rechts ans Eck zur Humboldtstraße, westlicher Teil.

Dort war das Humboldtkino, nicht sehr groß, doch mit einer regelmäßigen Matineevorstellung an den Sonntagvormittagen. Ich erinnere mich an einen Film in Cinemascope von der Verdioper Aida, die mich tief beeindruckte, vor allem weil die Sophia Loren in die Pyramide eingemauert wurde.
Die Humboldtstraße führte von hier direkt zum Schuckert, wie die Siemenswerke dort bis heute heißen. Zumindest in der kindlichen Vorstellung von damals begann oder endete - je nachdem - die Humboldtstraße in den Schuckertwerken, wie ja das ganze dort liegende Viertel von den rotziegeligen Gebäuden beherrscht war, überragt vom riesigen Schuckertschlot, der in den Albträumen mancher Nächte über mir zusammenstürzte.

Vom Balkon aus war auch die andere Seite der Humboldtstraße an ihrem Beginn noch ganz einzuschauen, lag aber im Sommer von den hohen Bäumen verdeckt. Jedenfalls waren die „Humboldtsäle", die diesen Abschnitt fast in ganzer Blockbreite einnahmen, nicht mehr sehen, dafür manchmal aber um so lauter hören. Gegenüber war das „Metropol", ein anderes Kino, in dem jeden Samstag so gegen zwölf oder halbeins nach der Schule die meisten Knaben meiner Klasse verschwanden. Da lief dann die Jugendvorstellung mit „Zorro", Fuzzy- und Unmengen anderer schwarzweißer Westernfilme. Ein Stück weiter, am Eck zur Bulmannstraße, war eine der damals noch seltenen Eisdielen. Noch ein Stückchen weiter über den Hummelsteiner Weg hinweg, war dann der Humboldtplatz mit dem Fahrrad-Herbst und der Dallingerstraße. Hier lag dann die Grenze der bekannten, auf den Schulwegen und an den Nachmittagen begangenen Gegend, dahinter begann eine fremde, erst später erschlossene Welt.
Zurück zu unserem Aussichtsbalkon: Einige der mir immer noch gegenwärtig erscheinenden Bilder und Töne von dort oben erinnern an Vorgänge, die inzwischen längst verschwunden und historisch geworden sind, die aber damals die Südstadt ausmachten und prägten Es war unvorstellbar, dass sie bald verschwinden sollten. Das wurde mir erst drei Jahrzehnte später, eher zufällig, bewusst, als ich wiederum in die Südstadt zog.

Zu diesen inzwischen „historisch" gewordenen Wahrnehmungen auf dem Balkon gehörte das täglich mehrfache Heulen der Fabriksirenen. Sie jaulten regelmäßig viermal am Tag zu festen Zeiten los und erfüllten zu Arbeitsbeginn um sieben, dann um neun und um zwölf zur Vesper- und Mittagspause und später nochmals zum Arbeitsende das ganze Viertel für mindestens eine halbe Minute mit ihrem angstmachenden Ton. Schon dieses Geheule machte klar, dass Fabrikarbeit etwas Schreckliches war. Auf dem Balkon waren deutlich die näheren Schuckert-Sirenen auszumachen, von Osten und Süden kam ein wenig leiser, aber ebenso durchdringend das Heulen anderer Fabriken. Am Nachmittag, damals immer um dreiviertel Fünf, wenige Minuten nach dem Signal zum Arbeitsschluss, war dann jeden Wochentag das gleiche Schauspiel zu sehen: Die Gehsteige füllten sich mit einem ununterbrochenen, eilig fließenden Menschenstrom. Der ganze Bürgersteig war gefüllt, alle liefen in eiligem Tempo in eine Richtung, ein zielgerichtet eilender Strom von Fußgängern, fast nur Männer, wie das heute eigentlich nur noch auf den letzten paar hundert Metern auf dem Weg ins Stadion vor einem Clubspiel zu beobachten ist. Von oben, der damaligen Ritter-von-Schuh-Straße kommend, auf der linken Seite des Platzes, vorbei an der Drogerie Schmelzer, hinein in die Pillenreuther Straße hasteten ganz viele Männer mit einfachen schwarzen Jacken zum Südeingang des Bahnhofs, um nur ja ihren Zug nicht zu verpassen. Die meisten trugen ihre alten, flachen Aktentaschen unter dem Arm oder an der Hand, alle von einer abgewetzten Art Leder, die es heute gar nicht mehr gibt. Fast alle, auch die jungen Arbeiter trugen Hüte. Lustigerweise stand in dem Hutgeschäft an diesem Eck über Jahre ein Schild mit dem Werbespruch: "Geh niemals ohne Hut aus, es sieht bestimmt nicht gut aus!"

Kurz nach der Schuckertsirene begann ein anderer Strom mit Leuten von rechts, vom Schuckert in der Humboldtstraße, floss ums Eck in die damalige Karl-Bröger-Straße, die heute auch zum Kopernikusplatz zählt, oder eilte an unserem Haus vorbei und bog in die Pillenreuther Straße, ebenfalls mit dem Ziel Bahnhof. Manche der in die Karl-Bröger Straße Abzweigenden wollten auch zum „Schocken", wie der „Kaufhof" bei alten Südstädtern bis heute heißt, vielleicht in den Weinkeller, vorbei an der Milchhandlung Dallhammer, die die Milch aus der Dampfmolkerei Daiber in Ammerndorf in die Milchkannen füllte. Die eilige Menschenmenge vom Schuckert wirkte etwas bunter, es waren aber deutlich mehr Frauen dabei, und bei Regen gab es mehr Regenschirme. Und der Schuckertstrom erreichte früher seine volle Stärke schon etwas früher. Das fiel mir auch deshalb auf, weil meine Mutter in der Zeit, als sie im Schuckert-Zählerwerk im Akkord schaffte, eben aus dieser Richtung kam, bald nach dem Sirenengejaule, das das tagsüber von uniformierten Wächtern bewachte Fabriktor wieder öffnete.

Das Heulen der Sirenen, auch zu den Arbeitspausen während des Tages, das mir als Kind so selbstverständlich erschien, war dann in den achtziger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts, als meine Kinder das gleiche Alter hatten wie ich damals, schon weitgehend verschwunden. Ich wohnte damals Ende der 1980er Jahre nahe der MAN, die zu dieser Zeit im großen Maßstab ihre Arbeiterbelegschaft entließ oder auf andere Weise verringerte. Die Menschenströme auf den Gehsteigen waren längst dünner geworden, dafür wuchs der Autoverkehr nach Fabrikschluss spürbar an und drängte vom riesigen Werksparkplatz in Neulichtenhof auf die Straßen. Der Parkplatz der einst größten Nürnberger Fabrik, dessen Gelände nach 1900 mit großen Arbeiterhäusern bebaut worden war, ist inzwischen längst ver-schwunden und wurde erneut vollständig überbaut, nun mit Häusern im toskanischen Stil. Viele der heute dort Wohnenden wissen gar nichts davon und haben noch nie eine Fabriksirene gehört. Einer meiner Freunde, in den 1980er Jahren in der Personalabteilung verantwortlich mit den Entlassungen betraut, hat sich in der Folge dieser „Freistellungen" mit viel Schnaps in den Rollstuhl getrunken, er war offenbar nicht stark genug für dieses Geschäft.