Unser Landesbischof

Unser Landesbischof

Die schließlich gelungene Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße im vergangenen Jahr 2007 war ein Lehrstück in vielerlei Hinsicht für den aktiven Umgang einer Stadt und ihrer Bewohner mit der eigenen Vergangenheit, die natürlich auch eine Diskussion des Umgangs mit der eigenen NS-Vergangenheit in den zurückliegenden Jahrzehnten war.

Deutlich wurde, dass es inzwischen vor allem auch in der evangelischen Kirche wie in der Mehrzahl der Parteien im Nürnberger und später auch im Münchner Stadtrat doch eine Mehrheit von Menschen gibt, die sich tatsächlich in eine in ihrem Ausgang offene Diskussion wagen und entsprechende Konsequenzen ziehen, selbst gegen die offensichtliche Ignoranz des amtierenden Landesbischofs, der die Aberkennung des Straßennamens als der „political correctness“ gestundet bezeichnete. O du heiliger Armleuchter.

Das war offenbar von der Nürnberger Kulturreferentin so nicht erwartet worden. So wurde mir nach der Weitergabe von öffentlich zugänglichen Informationen aus dem Archiv an Presse und Parteienvertreter aus dem Stadtrat eine schriftliche Rüge erteilt. Nachdem die Auswertung dieser Quellen mir dennoch wichtig erschien, wählte ich die Form des Leserbriefes, nach deren Abdruck sich viele Leser bei mir bedankten:

Leserbrief, abgedruckt in den Nürnberger Nachrichten

1926, neun Jahre vor den  Nürnberger Rassegesetzen, formulierte Hans Meiser, damals Direktor des Predigerseminars in Nürnberg und damit Leiter der bayerischen Pfarrerausbildung, in einem Gutachten mit dem Titel „Die evangelische Gemeinde und die Judenfrage“ u. a. Folgendes:

"Es gilt hier der Grundsatz, dass die Treue gegen das eigene Volk eine ernsthafte Christenpflicht ist. Es liegt etwas durchaus Berechtigtes in der Forderung nach Reinhaltung des Blutes.

So wenig wir Mischehen etwa mit naturalisierten Slaven gutheißen können, so wenig können wir Mischehen zwischen Deutsch-Stämmigen mit Juden billigen.

Schon der religiöse Gegensatz sollte Christen die Eingehung einer solchen Ehe verbieten, wie denn auch unsere Kirche solche Ehen von der kirchlichen Trauung ausschließt. ...

Gott hat jedem Volk seine völkische Eigenart und seine rassischen Besonderheiten doch nicht dazu gegeben, damit es seine völkische Prägung in rassisch unterwertige Mischlingsbildungen auflösen lässt ...

Darum können wir uns mit den völkischen Idealen weithin einverstanden erklären“.

Damit darf der spätere Landesbischof mit Recht als einer der Wegbereiter der Rassegesetze gelten. Zwar hatte der Antisemitismus nicht erst seit Adolf Stöcker in der evangelischen Kirche Tradition, doch Meisers neue rassentheoretische und blutsmäßige Argumentation wurde den Nürnberger evangelischen Christen per Evangelischem Gemeindeblatt ins Haus geliefert.

Wen wundert's, dass neun Jahre später die Nazi-„Blutschutz“gesetzgebung kaum auf Widerspruch stieß. Nachdem er im weitaus längeren Teil seines Textes das “Wesensfremde“ des jüdischen Geistes und das  „Zersetzende, Ätzende, Auflösende“ des jüdischen Verstandes behauptet hatte, wandte sich der spätere Bischof  zwar (auf deutlich weniger Seiten) gegen einen völkischen Rassenmaterialismus und empfahl statt des „Judenpogroms die Judenmission“, schon um die Juden „rassisch zu veredeln“, wie er das ausdrückte. Zusammen mit der Bemerkung, die Christen hätten „sich schützend vor die Juden zu stellen“ sind dies die häufiger zitierten Sätze unseres ersten Landesbischofs als die oben angeführten Äußerungen.

Leider spielte aber auch die schöne Forderung in der späteren Praxis keine Rolle: Weder beim Boykott der jüdischen Geschäfte 1933, noch bei den Rassegesetzen von 1935, nicht bei den Pogromen am 9. November 1938, auch nicht bei der Einführung des Judensterns 1941 und ebenso wenig bei den folgenden Deportationen stellte sich die lutherische Kirche in Bayern vor die jüdischen Deutschen oder gab es ein Wort des Protestes. 

„Das Gift des rassistischen Antisemitismus hatte die christliche Nächstenliebe zerfressen“  wie es Siegfried Hermle in dem jüngst zu Hans Meiser im Auftrag der Landeskirche erschienenen Buch zusammenfasste. Diesen „dunklen Seiten“  Meisers stellt die bayerische Kirche bis heute vor allem seine Rolle zur Rettung der Eigenständigkeit der Landeskirche gegenüber im sogenannten „Kirchenkampf“, den man getrost auch als innerkirchliche Auseinandersetzung und nur auf kirchliche Fragen beschränkte, sich selbst so bezeichnende „allergetreueste“ Opposition gegenüber dem Nazistaat verstehen kann. Und was war die Eigenständigkeit dieser Organisation noch wert, angesichts ihres Versagens in den entscheidenden Fragen?

Die aktuelle Diskussion dreht sich im Übrigen darum: Warum soll eine Straße im Herzen der Stadt und in unmittelbarer Rathausnähe den Namen dieses offensichtlichen Rassisten und Antisemiten tragen? Nach der Ehrenbürgerwürde ist die Straßenbenennung die höchste Ehre, die diese  Stadt zu vergeben hat. Den Namen erhielt sie 1957 in den Zeiten allgemeiner Verdrängung der NS-Vergangenheit. Warum kann man nicht heute, fast fünf Jahrzehnte später, im Zuge einer ehrlicheren Auseinandersetzung mit der Vergangenheit diesen offensichtlichen Fehler korrigieren? Eine solche Revision würde der „Stadt der Menschenrechte“ gut zu Gesicht stehen, unter dem Aspekt der Ehrlichkeit ganz sicher auch der evangelischen Kirche dienlich sein, nicht zuletzt für ihre Glaubwürdigkeit bei der Jugend.

Dr. Helmut Beer

Leserbrief, vollständig abgedruckt in den „Nürnberger Nachrichten“

Warum nur tun sich ein Teil unseres Stadtrates, aber auch wesentliche Teile der evangelischen Kirche so schwer, zu einer klaren Entscheidung in Sachen Namenserhalt der Bischof-Meiser-Straße zu kommen.

Gerade weil die Benennung einer Straße nach der Ehrenbürgerwürde die höchste Ehre für eine verdiente Person darstellt, die eine Stadt vergeben kann, um an herausragende Leistungen zu erinnern, wäre Ehrlichkeit und Offenheit gefragt.

So bieten die nun monatelang laufenden Weichspülversuche und  Entschuldigungen, nicht zuletzt im Jasperschen Gutachten, ein Trauerspiel. Man mag daran im Glauben an eine ehrliche Aufarbeitung der historischen Rolle verzweifeln, oder man verfällt dem Sarkasmus – denn gerade im Blick auf die historische Wahrheit in dieser Stadt wäre eine Tilgung des Namens von Hans Meiser aus dem Straßenbild tatsächlich fatal. Fehlte dann doch ein wichtiger Erinnerungsort im rathausnahen Gedächtnisweg, auf dem jeder Nürnberger, aber auch der Besucher der „Stadt der Menschenrechte“, sich im Abstand von nur jeweils zwei Gehminuten über wesentliche Stationen des Verhältnisses der Einwohner zu ihren jüdischen Mitbürgern informieren kann.

Beginnen wir mit dem Hauptmarkt, Nürnbergs guter Stube, die zwölf Jahre lang auch Adolf-Hitler-Platz hieß:  Bekanntlich konnte der Hauptmarkt erst nach dem Judenprogrom von 1349 entstehen, nachdem das jüdische Ghetto zerstört und 562 Nürnberger Juden öffentlich verbrannt worden waren. Klugerweise hatten sich die Christen schon Wochen vorher auf dieses Vorgehen verständigt und das jüdische Eigentum bereits vorsorglich verteilt für den Fall, dass die Juden vielleicht die Brunnen vergiften könnten. Noch zwei Wochen vor dem Pogrom holten sich die Nürnberger Patrizier nur noch die ausdrückliche Genehmigung dazu bei Kaiser  Karl IV. in Prag, an den ja das Männleinlaufen heute oben auf der Frauenkirche erinnert. Bezogen auf Meiser, wer würde denn deswegen heute das Männleinlaufen in Frage stellen?

Von der Erinnerungstafel an der auf den Trümmern der Synagoge entstandenen Frauenkirche sind es nur 200 Schritte oder zwei Minuten nach Süden zum Schild der Bischof-Meiser-Straße, das an das Wirken unseres ersten evangelisch-lutherischen Landesbischofs erinnert. Schon die Einführung des Bischoftitels (der den Nazis nicht genehme Vorgänger hieß nur Kirchenpräsident) mit einer neuen Kirchenverfassung war Programm: So konnte sich der neue Bischof doch gleich damit rühmen, mit seinem Amtsantritt das „Führerprinzip“ in die evangelische Kirche eingeführt zu haben. Schon 1926 als Leiter der bayerischen Pfarrerausbildung hatte er sich entschieden gegen die Vermischung deutschen und jüdischen Blutes gewandt und damit den weit verbreiteten Antisemitismus Stöckerscher Prägung vieler evangelischer Pfarrer auf die moderne, „blutsmäßig“ begründete, rassentheoretische Ebene der Nationalsozialisten transformiert. Über das evangelische Gemeindeblatt 1926 verbreitet, wurde so schon frühzeitig der Boden für die Nürnberger Rassegesetze bereitet, die dann 1935 den Stadtnamen weltweit und auf Dauer in der Erinnerung halten. Immerhin half sein entschiedenes Schweigen zum Judenpogrom 1938, Euthanasie und Judenmord, sein Dank für Führererrettung und blutige Ernten auf den Schlachtfeldern seiner Landeskirche in „allergetreuester Opposition“ die Nazizeit organisatorisch zu überstehen. Danach brach der Herr Bischof dieses Schweigen, als er sich 1950 schriftlich gegen die Hinrichtung der Herren Ohlendorf und anderer führender Verbrecher der SS-Einsatzgruppen engagierte, die des Massenmordes an 100 000en von jüdischen Menschen schuldig gesprochen worden waren. 

Vom Meiserschen, nun leider inkriminierten, Straßenschild geht  es wieder nur zwei Minuten weiter am Hl.Geist-Spital vorbei nach Osten zum Schild, das Leo Katzenberger gewidmet ist. Jetzt erst wird  die Korrespondenz beider Straßennamen und mit der Nähe die innere Logik Nürnberger Straßenbenennungen deutlich. Doch noch unmittelbar vorher stößt der Spaziergänger  rechts an der Pegnitzbrücke auf die Tafel zum Gedenken, dass hier bis zum August 1938 die große jüdische Synagoge stand, ehe sie, rechtzeitig zum NS-Parteitag 1938, als städtische Verwaltungsmaßnahme des Hochbauamtes zur Stadtverschönerung und „Entschandelung“ abgerissen wurde. Die Benennung des folgenden Uferwegs nach Leo Katzenberger soll an das erste, nach dem „Nürnberger Blutschandegesetz“ hingerichtete Opfer erinnern. Am damaligen Vorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde wurde ein Exempel statuiert in der Stadt, deren evangelische Bewohner ja bereits 1926 zur Reinhaltung ihres christlichen Blutes gemahnt worden waren.

Deshalb wäre eine Tilgung des Namens unseres Landesbischofs tatsächlich auch eine Veränderung der Erinnerung an die geschichtlichen Realitäten dieser Stadt, die über die bestehenden Straßenschilder schön sichtbar werden. Wahrscheinlich haben sich die christsozialen Stadtväter und – mütter, aber auch die evangelische Kirche deshalb schon festgelegt und wollen auf diese Zusammenhänge nicht verzichten, nicht zuletzt um ein Zeichen der Glaubwürdigkeit für unsere Jugend zu setzen, die ja Vorbilder für das feste Beharren und Widerstehen aus christlichem Geiste benötigt.

Dr. Helmut Beer